Sarah Zurbuchen
«Wir haben wieder Wolldecken»,
meint der St. Galler Designer Walter Maurer ganz erleichtert. Die besagten
Wolldecken stammen aus Restbeständen der Schweizer Armee. Und die
ausgehöhlten Alpen scheinen noch voll davon zu sein. Das ist auch
gut so: Denn sie sind der Rohstoff, aus dem für den Oberwalliser
Titus Karlen eine Goldgrube wurde. Im Bergdorf Törbel betreibt
der 70-jährige Schuhmacher seine kleine Sattlerei mit zehn Angestellten.
Aus den Wolldecken mit dem charakteristischen roten Streifen und dem
Schweizer Kreuz entstehen unter flinken Händen und zahlreichen
Nähmaschinen Rucksäcke, Mappen, Bauchtaschen oder Handtaschen.
Recyclierte Armee
Designer Walter Maurer stiess vor vier Jahren auf ein Wolldeckendepot
in einem Zeughaus. Da kam ihm die simple, aber geniale, Idee, aus dem
kratzigen Material einen Rucksack zu entwerfen. Mit dieser Kreation
ging er zu Titus Karlen, und dieser war begeistert. Maurer recycliert
sozusagen die Schweizer Armee, und dies nicht nur mit den alten, ungebrauchten
Wolldecken, die zwischen 1910 und 1960 hergestellt wurden und noch heute
in Militärlagerräumen ihr Dasein fristen. Die Lederbordüren
der Taschen sind aus ehemaligen Armeegürteln, der hölzerne
Verschluss des Bodybags war im Militär Teil des Pferdegeschirrs.
Das Nateltäschchen war eine Bajonettscheidentasche, und die Trägerriemen
der Taschen hingen ursprünglich an den Gewehren. Die Idee der «Swiss
Army Collection» fand grossen Anklang, vor allem in Trendboutiquen.
Noch heute ist die Sattlerei in Törbel daran, Weihnachtsbestellungen
abzutragen. «Wir sind mit Produzieren fast nicht mehr nachgekommen»,
sagt Maurer. Die Modeaccessoires mit dem Label «Mago» werden
gar ins Ausland, nach Deutschland, Norwegen und Japan geliefert. Vor
allem die Japaner fliegen auf das Design. Doch sie sind heikel. Als
während einer längeren Periode keine Wolldecken mit eingewobenem
Kreuz mehr aufzutreiben waren, mussten sie den weissen Filz von Hand
aufnähen. Das kam in Japan nicht an. «Die wollen nur Taschen
aus Originalwolldecken», erklärt Maurer. Trotzdem erscheint
nicht auf allen Taschen und Beuteln das eingewobene, sondern ein aufgenähtes
Kreuz, denn: Es würde dem Recycling-Gedanken widersprechen, nur
die Teile der Decken mit dem weissen Kreuz zu verarbeiten. Die teuren,
grossen Sachen aber haben alle das echte Schweizer Kreuz. Die Kollektion
besteht inzwischen aus rund 20 verschiedenen Accessoires.
Trotz Erfolg kein Ausbau
Karlen hat im Laufe der Jahre schon fast alles hergestellt, was man
aus Leder und Stoff machen kann. Zuerst fertigte er Schuhe nach Mass.
Danach war er immer wieder für die Armee tätig, hat Gürtel,
Rucksäcke und so genannte Marschpackungen geschneidert. Der gelernte
Schuhmacher ist es gewohnt, flexibel zu sein. Im Walliser Dorf auf 1500
Metern gibt es nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Sein
Geschäft bedeutet für das 550-Seelen-Dorf deshalb eine wichtige
Einnahmequelle. Trotz dem riesigen Echo und den Bergen von Bestellungen
wollen er und Ideenlieferer Maurer das Geschäft nicht erweitern.
«Wir sind zwar unter Druck, aber wir wollen später keine
Leute entlassen müssen», sagt Maurer. Doch dass ihm die Ideen
ausgehen könnten, davor fürchtet er sich eigentlich nicht.
Neuerdings produziert die kleine Werkstatt schon eine weitere Kollektion:
Taschen aus Leder, mit rotem Walliser Stern.
Die «Mago»-Produkte kosten zwischen 10 und 300 Franken und
werden in der Region Bern in folgenden Läden verkauft: Iljos-Sonne,
Mignon, Heimatwerk, alle in Bern. Geiger-Wörner in Biel. Schwitzerländ
in Solothurn. Bagatelle in Interlaken. Auskunft und Bezugsquelle unter
mago.karlen@freesurf.ch. Telefon: 027 952 11 13.