Berner Zeitung vom 26. Januar 2002
Aus alten Wolldecken wird Design

Die Sattlerei von Titus Karlen im Walliser Bergdorf Törbel stellt Trendiges her: Seine Taschen aus alten Armeewolldecken finden in den Städten reissenden Absatz.

 



 

Trendware aus alten Wolldecken: Die Taschen mit dem charakteristischen Schweizer Kreuz finden reissenden Absatz.
Der St. Galler Designer Walter Maurer (oben) liefert die Ideen, der 70-jährige Oberwalliser Schuhmacher Titus Karlen führt sie aus.


Sarah Zurbuchen

«Wir haben wieder Wolldecken», meint der St. Galler Designer Walter Maurer ganz erleichtert. Die besagten Wolldecken stammen aus Restbeständen der Schweizer Armee. Und die ausgehöhlten Alpen scheinen noch voll davon zu sein. Das ist auch gut so: Denn sie sind der Rohstoff, aus dem für den Oberwalliser Titus Karlen eine Goldgrube wurde. Im Bergdorf Törbel betreibt der 70-jährige Schuhmacher seine kleine Sattlerei mit zehn Angestellten. Aus den Wolldecken mit dem charakteristischen roten Streifen und dem Schweizer Kreuz entstehen unter flinken Händen und zahlreichen Nähmaschinen Rucksäcke, Mappen, Bauchtaschen oder Handtaschen.

Recyclierte Armee
Designer Walter Maurer stiess vor vier Jahren auf ein Wolldeckendepot in einem Zeughaus. Da kam ihm die simple, aber geniale, Idee, aus dem kratzigen Material einen Rucksack zu entwerfen. Mit dieser Kreation ging er zu Titus Karlen, und dieser war begeistert. Maurer recycliert sozusagen die Schweizer Armee, und dies nicht nur mit den alten, ungebrauchten Wolldecken, die zwischen 1910 und 1960 hergestellt wurden und noch heute in Militärlagerräumen ihr Dasein fristen. Die Lederbordüren der Taschen sind aus ehemaligen Armeegürteln, der hölzerne Verschluss des Bodybags war im Militär Teil des Pferdegeschirrs. Das Nateltäschchen war eine Bajonettscheidentasche, und die Trägerriemen der Taschen hingen ursprünglich an den Gewehren. Die Idee der «Swiss Army Collection» fand grossen Anklang, vor allem in Trendboutiquen. Noch heute ist die Sattlerei in Törbel daran, Weihnachtsbestellungen abzutragen. «Wir sind mit Produzieren fast nicht mehr nachgekommen», sagt Maurer. Die Modeaccessoires mit dem Label «Mago» werden gar ins Ausland, nach Deutschland, Norwegen und Japan geliefert. Vor allem die Japaner fliegen auf das Design. Doch sie sind heikel. Als während einer längeren Periode keine Wolldecken mit eingewobenem Kreuz mehr aufzutreiben waren, mussten sie den weissen Filz von Hand aufnähen. Das kam in Japan nicht an. «Die wollen nur Taschen aus Originalwolldecken», erklärt Maurer. Trotzdem erscheint nicht auf allen Taschen und Beuteln das eingewobene, sondern ein aufgenähtes Kreuz, denn: Es würde dem Recycling-Gedanken widersprechen, nur die Teile der Decken mit dem weissen Kreuz zu verarbeiten. Die teuren, grossen Sachen aber haben alle das echte Schweizer Kreuz. Die Kollektion besteht inzwischen aus rund 20 verschiedenen Accessoires.


Trotz Erfolg kein Ausbau
Karlen hat im Laufe der Jahre schon fast alles hergestellt, was man aus Leder und Stoff machen kann. Zuerst fertigte er Schuhe nach Mass. Danach war er immer wieder für die Armee tätig, hat Gürtel, Rucksäcke und so genannte Marschpackungen geschneidert. Der gelernte Schuhmacher ist es gewohnt, flexibel zu sein. Im Walliser Dorf auf 1500 Metern gibt es nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Sein Geschäft bedeutet für das 550-Seelen-Dorf deshalb eine wichtige Einnahmequelle. Trotz dem riesigen Echo und den Bergen von Bestellungen wollen er und Ideenlieferer Maurer das Geschäft nicht erweitern. «Wir sind zwar unter Druck, aber wir wollen später keine Leute entlassen müssen», sagt Maurer. Doch dass ihm die Ideen ausgehen könnten, davor fürchtet er sich eigentlich nicht. Neuerdings produziert die kleine Werkstatt schon eine weitere Kollektion: Taschen aus Leder, mit rotem Walliser Stern.
Die «Mago»-Produkte kosten zwischen 10 und 300 Franken und werden in der Region Bern in folgenden Läden verkauft: Iljos-Sonne, Mignon, Heimatwerk, alle in Bern. Geiger-Wörner in Biel. Schwitzerländ in Solothurn. Bagatelle in Interlaken. Auskunft und Bezugsquelle unter mago.karlen@freesurf.ch. Telefon: 027 952 11 13.