Coopzeitung 51/2001 - Politik/Wirtschaft
Trendiges aus Törbel

 

Im Walliser Bergdorf Törbel werden alte Wolldecken der Armee zu Trendprodukten für In-Boutiquen verarbeitet.

 

Desgner Walter Mauer, Firmenchef Titus Karlen und Administrationsleiterin Yvonne Karlen (von links) mit Teilen ihrer Kollektion

Daniel Sägesser
Wer aus Törbel stammt, wandert entweder aus oder arbeitet auswärts unten im Tal, um ein Auskommen zu finden. Das Walliser 550-Seelen-Dorf klebt auf 1500 Metern am Berg über Stalden im Vispertal und bietet bloss wenige Arbeitsplätze. Es gibt kaum Tourismus. Landwirtschaft wird meist nur noch im Nebenerwerb betrieben. Einige Male pro Tag verkehrt ein Postauto.
Dennoch verkommt Törbel nicht zu einem alpinen Dorfmuseum. Denn es leben dort auch innovative Geister wie der 70-jährige Schuhmacher und Sattler Titus Karlen: In zwei kleinen, engen Fabrikationslokalen mitten im Ort wird unter Hochdruck gearbeitet. Karlen und neun teilzeitbeschäftigte Frauen fertigen Rucksäcke und Taschen in allen Grössen und Formen, die in städtischen Trendboutiquen reissenden Absatz finden. Das Geheimnis dahinter heisst «Army Recycling Collection». Zu Deutsch: Schweizer Armeematerial wird in Handarbeit zu einer Kollektion trendiger Gebrauchsgegenstände umfunktioniert. Ausgang sind die Entwürfe des St. Galler De-signers Walter Maurer, «Rohstoff» gebrauchte Militärriemen und -gürtel - und vor allem eingemottete Militär-Wolldecken. Das graue Tuch hat zwei spezielle Merkmale: Es kratzt und trägt in einem roten Streifen ein eingewobenes Schweizerkreuz. Es widerspräche jedoch dem Recycling-Gedanken, nur die Teile der Decken mit dem weissen Kreuz zu verarbeiten. Deshalb wird auf den meisten Taschen und Beuteln das Nationalemblem aufgenäht. «Die teuren, grossen Sachen aber», so Titus Karlen «haben alle das echte, eingewobene Schweizerkreuz. Auch nach Japan exportieren wir nur solche Artikel.»

 

Titus Karlen setzt auf neue Sachen aus alten Decken


Roter Stern Törbel

Die Schweizer Armee wird kleiner, Schuhmacher und Sattler Titus Karlen erhält weniger Militäraufträge. Deshalb spürte er zwei neue Tätigkeitsfelder auf: die Herstellung von Ethno- und von Trendprodukten. «Uns ist bewusst, dass wir mit dem Schweizerkreuz auf einer Modewelle reiten und suchen weiter nach neuen Ideen», sagt Karlen. So gibt es die Artikel der Militär-Wolldecken-Kollektion nun auch mit einem roten Stern verziert - ein Walliser oder Sowjet-Stern, je nach Blickwinkel ...

Das Geschäft in Törbel floriert: Der St. Galler Designer Walter Maurer arbeitet auch in der Produktion der Wolldecken-Accessoires mit.

Pendler zwischen zwei Welten

Der kreative Kopf hinter den Trendprodukten aus Törbel heisst Walter Maurer. Der St. Galler ist bereits seit 20 Jahren als Desig-ner und Hersteller von Textilien und Gegenständen im Ethno-Look tätig. Vor drei Jahren verkaufte er sein Geschäft an die Familie Karlen. Nun steht er der Firma noch als freier Berater und Designer zur Seite, hat sich dafür sogar eine Wohnung in Törbel genommen und pendelt zwischen Stadt und Bergdorf. «Eigentlich wollten wir etwas aus Lodenstoff machen, doch dann stiessen wir auf die alten Wolldecken mit dem Schweizerkreuz», erzählt Maurer. Er entwarf einen Rucksack, der an Fachmessen auf ein positives Echo stiess. Nun zählt die Kollektion bereits 20 Artikel. Die dafür verwendeten Militär-Wolldecken wurden bis in die 1960er-Jahre hergestellt und mit dem Aufkommen der Schlafsäcke liquidiert. «Bis jetzt haben wir etwa 1000 Decken verarbeitet», sagt Maurer. «Unser Grundmaterial wird so bald nicht knapp, es gibt davon noch grosse Lager.» ds