Crosstalk - Ausgabe 9 / 2001

Vom Zeughaus in die Boutique

Im Walliser Dorf Törbel werden aus alten Armeebeständen unterdem Label «Mago» Modeaccessoires hergestellt. Eine Traditionssattlerei näht aus Armeewolldecken Taschen und Täschchen aller Art für ein Publikum der Techno-Generation.

    Text: Ronald Schenkel, Fotos: Jürg Waldmeier

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(1-3) Seit zwei Jahren entstehen in der Werkstatt von Titus Karlen (2) und Walter Maurer (3) Rucksäcke, Schlüsselanhänger und Taschen aller Art.

 

 

 

Es ist längst bekannt: Das Schweizer Armeemesser ist das beste Taschenmesser der Welt. Dass jedoch die Schweizer Armee auch Stoff nicht nur für den praxisorientierten Klingenfreak liefert - und das im wahrsten Sinn des Wortes -, ist noch immer etwas für Insider. Die Geheimwaffe für den modischen Touch stammt aus Törbel, einem Dorf weitab von den Modezentren und Laufstegen der Welt.
Törbel liegt - oder besser klebt - an einem steil abfallenden Südhang auf 1500 Metern über Meer. Der Blick geht in tief gefurchte Täler hinüber und auf die mit ewigem Schnee gekrönten Gipfel von Viertausendern. Man befindet sich im Oberwallis, wo die Menschen einen archaischen Dialekt sprechen, aber trotz der vielen Felsdome rundherum keineswegs hinterm Berg leben. In der kleinen Schuhmacherwerkstatt und einem nicht eben geräumigeren zweiten Atelier sitzen Frauen hinter Stanz- und Nähmaschinen, schneiden aus gräulich-braunen, zuweilen ins Rötliche oder gar ins Violette spielenden Filzstoffen Muster aus und nähen sie zu Taschen, Täschchen, Rucksäcken, Bodybeuteln oder Portemonnaies zusammen. Dem Eingeweihten - sprich, jemandem, der Erfahrungen mit dem Schweizer Militär gesammelt hat - kommen diese Stoffe äusserst bekannt vor, und es ist nicht auszuschliessen, dass er oder auch sie in ähnlichem Material einmal geschlafen hat. Es handelt sich nämlich um Wolldecken aus Armeebeständen. Untrügliches Indiz dafür ist das weisse Kreuz auf rotem Grund, das jede Decke ziert und nun prominent auf den modischen Accessoires prangt.

Der Lauf der Dinge
Die Idee zur Verwendung ausgedienter Armeegegenstände als Grundstoff für Modeartikel hatte der St. Galler Walter Maurer. Für die Produktion hat er den Schuhmacher und Sattler Titus Karlen gewinnen können. Karlen ist ein Handwerker von altem Schrot und Korn und ein echter Törbler, der sein Dorf nur kurz während der Lehrzeit verlassen hat. In seinem Betrieb hat Karlen schon fast alles hergestellt, was man aus Leder und Stoff machen kann, und nicht zuletzt war er immer wieder für die Armee tätig gewesen, hat Schuhe, Rucksäcke und sogenannte Marschpackungen geschneidert. Dass er nun, nachdem die Aufträge des Bundes rar geworden sind, ausgediente Armeestoffe zu friedlicheren Verwendungszwecken weiterverarbeitet, scheint für ihn so eine Art Lauf der Dinge zu sein.
In Törbel ist man es sich gewohnt, flexibel zu sein. Auf 1500 Metern über Meer sind der Beschäftigungsmöglichkeiten nicht übermässig viele: etwas Landwirtschaft, etwas Tourismus. Die meisten Männer arbeiten im Tal. Die Sattlerei ist für viele Frauen eine der wenigen Möglichkeiten hier im Ort etwas zu verdienen. «Wir mussten immer ums Überleben kämpfen», meint Karlen. Mit den Army-Recycling-Taschen scheint man auf eine Goldmine gestossen zu sein. «Wir kommen mit der Produktion kaum nach», beteuert Maurer. Vor den Sommerferien müsse noch eine Lieferung für Japan raus, sagt er, und der einheimische Markt scheint ebenso unersättlich. Hinzu kommen noch die Arbeiten an Lederkollektionen, die nebenher gehen. Aber lieber zu viel Arbeit als zu wenig, lautet die Devise in Törbel.

Army goes Techno
Der Erfolg der Army-Decken-Produkte scheint mancherlei Gründe zu haben. Sicherlich reitet Mago auf einer eigentlichen Army-Welle. Aber da ist noch mehr, denn die sorgfältig gearbeiteten Taschen mit dem Schweizerkreuz, deren Lederbordüren und Träger aus ehemaligen Armeegürteln hergestellt sind und die zum Teil mit Verschlüssen aus gedrechseltem Holz versehen sind, wirken nicht besonders kriegerisch. Es ist vor allem ein gutes Gefühl, sie zu berühren. Und schliesslich sind sie garantiert unverwechselbar. «Mit den Taschen haben wir ein völlig neues Kundensegment gewonnen», weiss Maurer zu berichten: nicht die Touristen, die Edelweiss und Trachtenlook wünschen, sondern ein trendbewusstes Grossstadtvölkchen, das den Armeefilz an Techno-Partys trägt. Ein Ende der Welle ist zurzeit nicht abzusehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Accessoires im Ethno-Look: Die modischen Army-Produkte des Labels Mago mit
Edelweiss-Applikationen und Hornknöpfen kosten zwischen 10 und 300 Schweizer Franken.

 

 
Im Gegenteil: Karlen und Maurer planen schon die nächste Kollektion. Geht ihnen da nicht der Stoff aus? «Wir haben ganze Garagen voll von Decken», sagen die Designer vom Berg. Die Armee hat in den Jahren der Aufrüstung fleissig für den Nachschub gesorgt. Zwar hörte die Wolldeckenproduktion 1964 auf. Damals führte die Schweizer Armee Schlafsäcke für die Truppe ein. Aber die Bestände, die man für den Katastrophenfall gehortet hat, reichen noch für eine ganze Menge Taschen. Und auch die anderen Materialien - Gürtel, Schnallen und Riemen - lagern in den Zeughäusern zuhauf. Überdies inspirieren manche Gegenstände, deren Zweck kaum mehr zu erraten ist, Maurer zu neuen Schöpfungen. Zwar werden noch keine Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, doch so kleidsam waren Accessoires der Schweizer Armee zweifellos niemals zuvor!

Trendige Taschen mit Schweizerkreuz
Die Army Recycling Collection des Labels Mago ist in den Schweizer Städten vor allem in jungen Trendgeschäften zu finden.
Vertrieben werden die Produkte aus dem Wallis zum Beispiel bei Streule in Appenzell
und in den Heimatwerk-Filialen, die auch auf Schweizer Flughäfen zu finden sind. Informationen über die Produkte, deren Preise sich zwischen knapp CHF 10.- und CHF 300.- bewegen, bekommt man unter Karlen Sattlerei- und Handels GmbH. CH-3923 Törbel. Tel. +i 27 952 11 13, Fax +41 27 952 13 25, E-Mail mago.karfen@freesurf.ch.