GABRIELA
WEISS
Törbel. Ein verschlafenes Walliser Dorf an steilem Südhang oberhalb
von Stalden. Auf 1500 Meter über Meer wohnen 570 Menschen. Es gibt
einen Konsum, ein Hotel-Restaurant, eine Post. Und die Sattlerei von Titus
Karlen. Die meisten Leute arbeiten unten im Tal bei Lonza oder Scintilla.
Dass die Sattlerei all die Jahre überlebt hat, war dank der Offenheit
von Titus Karten möglich: Wir sind flexibel und innovativ, sagt der
70-jährige Schuhmacher. Er musste sich immer wieder mal etwas Neues
einfallen lassen, um mit seinem Geschäft zu überleben.
Karlen ist in Törbel aufgewachsen, nach der Lehre in Zermatt wieder
ins Dorf zurückgekehrt und hat die Sattlerei aufgemacht, Das war
1951. Erst fertigte er Schuhe nach Mass an, dann produzierte er eine Zeit
lang vor allem fürs Militär: Schuhe, Gürtel, Rucksäcke.
Doch die Armee wird laufend redimensioniert, ihre Aufträge sind selten
geworden.
Und trotzdem lebt Karlen heute noch von der Armee. Er liefert zwar nicht
mehr regelmässig. dafür beliefert das Militär ihn: Mit
Material zum Verwerten. Vor vier Jahren kam der St. Galler Walter Maurer
mit der Idee nach Törbel, aus alten Militärwolldecken trendige
Taschen herzustellen. Inzwischen wird die Kollektion sogar in Japan vertrieben.
Und seit kurzem in Trendläden von München und Stuttgart.
Maurer hat in Karten den idealen Partner gefunden: Der St. Galler liefert
die Ideen, Karlen setzt sie um. "Aus allem, was er in dir Hand nimmt,
wird etwas Gescheites", sagt Maurer. Der hölzerne Verschluss
des Bodybags war im Militär früher Teil des Pferdegeschirrs,
das Nateltäschchen war eine Bajonettscheidentasche, und die Trägerriemen
der Taschen hingen ursprünglich an den Gewehren. Regelmässig
besucht Maurer die Zeughäuser um Nachschub für die Produktion
der wolligen Taschen zu besorgen. Und um in ausrangiertem Material zu
stöbern - zur Inspiration.
Die Militärwolldecken gehen langsam aus - neue gibt’s
nicht
Die Sattlerei, einstiger Einmannbetrieb, gehört heute zu den grössten
Arbeitgebern im Dorf. Neun Leute sind für die Werkstatt tätig
der Ideenstifter Maurer, der Macher Titus Karten, zeitweise auch sein
Sohn Hansjörg Karlen und fünf Näherinnen aus Törbel.
Zurzeit rattern die Nähmaschinen auf Hochtouren. Die letzten Taschen
aus alten Militärwolldecken stehen im Lager bereit für den Weg
ins Tal. Nachschub ist dringend nötig. «Wir haben im Moment
Mühe, die geforderten Mengen zu liefern», sagt Maurer.
Ein Haus weiter, in der Werkstätte, arbeiten die Näherinnen.
Lederstück um Lederstück passiert ihre Hände. Ob Rucksack,
Lenden- oder Handtasche, Portemonnaie oder Gürtel: Auf jedem Stück
prangt ein Schweizer Kreuz. Seit einem Jahr werden auch lederne Trendtaschen
und -accessoires hergestellt, in Orange, Blau, Rot, Lila, Rosa, Schwarz.
So sind es die Ledertaschen der «Swiss Collection», mal die
wolligen Taschen der «Army Recycling Collection», welche in
Hunderterserie gestanzt und genäht werden. Platz und Hände reichen
nicht, um beide Kollektionen gleichzeitig zu schneidern.
über 1000 Wolldecken gingen bisher über die Nähtische der
Werkstätte. Auch bei der "Army Recycling Collektion" prangt
auf jedem Stück ein Schweizer Kreuz. Zuerst wurden dazu nur die eingewebten
Kreuze verwendet. Doch weil jede Decke nur eines hat und die Nachfrage
nach den Trendtaschen wuchs, hilft man sich jetzt mit aufgenähten
Filzkreuzen weiter. Das wird von den Japanern nicht goutiert: «Die
wollen nur Taschen mit eingewebten Kreuz», stellt Maurer fest.
Wünschten alle nur noch die Originalkreuze, könnte das zum Problem
werden. Denn die Militärwolldecken werden heute nicht mehr hergestellt.
In Törbel produziert man jedoch nicht blind drauflos. «Was
heute Mode ist kann morgen wieder out sein», weiss Maurer. Er behält
deshalb die Augen offen und spürt die nächsten Trends auf.
EHRET EINHEIMISCHE SYMBOLE
NICHT ERST SEIT NATIONALRÄTIN Anita Fetz in der Herbstsession in
rotem T-Shirt mit Schweizer Kreuz auf der Brust aufgetaucht ist. bekennen
Mann und Frau RaggeBei den jungen Ravem sieht man das Kreuz schon länger,
und Michel Jordi lancierte 1989 seine erste Eikino-Uhr mit dem Edelweiss
als heimischem Sujet. Bereits seit
den Dreissigerjahren macht das Heimatwerk sein Geschäft mit dem Verkauf
von traditionellem und zeitgendssischem Schweizer Kunsthandwerk. Einige
Produkte findet nicht nur bei Touristen Anklang, sondem auch bei den trendbewussten
Schweizerinnert und Schweizem. «Sehr beliebt sind neben den Tdrbeler
Militärtaschen auch Kefamikcaquelons mit Edelweiss oder Kuh drauf
und die Uhren im Design der Bahnhofsuhrerh, sagt Erika Maihis-Brassel,
Geschäftsleitenn des Heimatwerks,
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