Soloturner Zeitung vom 01. August 2000
Auf Trends umgesattelt

Ein 70-jähriger Walliser Sattler zeigt den jungen Städtlern, was "in" ist.

Auf Taschen. Gürteln und Schlüsselanhängern sticht einem das weisse Kreuz ins Auge. Die Trendware, die bis nach Japan geliefert werden, stammen aus einer Sattlerei in einem kleinen Walliser Dorf.
 
Aus Militärwolldecken oder aus simplem Leder fertigt der Walliser Titus Karlen (BIld) nach den Ideen des St. Gallers Walter Maurer immer neue Kultobjekte an.

GABRIELA WEISS
Törbel. Ein verschlafenes Walliser Dorf an steilem Südhang oberhalb von Stalden. Auf 1500 Meter über Meer wohnen 570 Menschen. Es gibt einen Konsum, ein Hotel-Restaurant, eine Post. Und die Sattlerei von Titus Karlen. Die meisten Leute arbeiten unten im Tal bei Lonza oder Scintilla. Dass die Sattlerei all die Jahre überlebt hat, war dank der Offenheit von Titus Karten möglich: Wir sind flexibel und innovativ, sagt der 70-jährige Schuhmacher. Er musste sich immer wieder mal etwas Neues einfallen lassen, um mit seinem Geschäft zu überleben.
Karlen ist in Törbel aufgewachsen, nach der Lehre in Zermatt wieder ins Dorf zurückgekehrt und hat die Sattlerei aufgemacht, Das war 1951. Erst fertigte er Schuhe nach Mass an, dann produzierte er eine Zeit lang vor allem fürs Militär: Schuhe, Gürtel, Rucksäcke. Doch die Armee wird laufend redimensioniert, ihre Aufträge sind selten geworden.
Und trotzdem lebt Karlen heute noch von der Armee. Er liefert zwar nicht mehr regelmässig. dafür beliefert das Militär ihn: Mit Material zum Verwerten. Vor vier Jahren kam der St. Galler Walter Maurer mit der Idee nach Törbel, aus alten Militärwolldecken trendige Taschen herzustellen. Inzwischen wird die Kollektion sogar in Japan vertrieben. Und seit kurzem in Trendläden von München und Stuttgart.
Maurer hat in Karten den idealen Partner gefunden: Der St. Galler liefert die Ideen, Karlen setzt sie um. "Aus allem, was er in dir Hand nimmt, wird etwas Gescheites", sagt Maurer. Der hölzerne Verschluss des Bodybags war im Militär früher Teil des Pferdegeschirrs, das Nateltäschchen war eine Bajonettscheidentasche, und die Trägerriemen der Taschen hingen ursprünglich an den Gewehren. Regelmässig besucht Maurer die Zeughäuser um Nachschub für die Produktion der wolligen Taschen zu besorgen. Und um in ausrangiertem Material zu stöbern - zur Inspiration.


Die Militärwolldecken gehen langsam aus - neue gibt’s nicht
Die Sattlerei, einstiger Einmannbetrieb, gehört heute zu den grössten Arbeitgebern im Dorf. Neun Leute sind für die Werkstatt tätig der Ideenstifter Maurer, der Macher Titus Karten, zeitweise auch sein Sohn Hansjörg Karlen und fünf Näherinnen aus Törbel. Zurzeit rattern die Nähmaschinen auf Hochtouren. Die letzten Taschen aus alten Militärwolldecken stehen im Lager bereit für den Weg ins Tal. Nachschub ist dringend nötig. «Wir haben im Moment Mühe, die geforderten Mengen zu liefern», sagt Maurer.
Ein Haus weiter, in der Werkstätte, arbeiten die Näherinnen. Lederstück um Lederstück passiert ihre Hände. Ob Rucksack, Lenden- oder Handtasche, Portemonnaie oder Gürtel: Auf jedem Stück prangt ein Schweizer Kreuz. Seit einem Jahr werden auch lederne Trendtaschen und -accessoires hergestellt, in Orange, Blau, Rot, Lila, Rosa, Schwarz. So sind es die Ledertaschen der «Swiss Collection», mal die wolligen Taschen der «Army Recycling Collection», welche in Hunderterserie gestanzt und genäht werden. Platz und Hände reichen nicht, um beide Kollektionen gleichzeitig zu schneidern.
über 1000 Wolldecken gingen bisher über die Nähtische der Werkstätte. Auch bei der "Army Recycling Collektion" prangt auf jedem Stück ein Schweizer Kreuz. Zuerst wurden dazu nur die eingewebten Kreuze verwendet. Doch weil jede Decke nur eines hat und die Nachfrage nach den Trendtaschen wuchs, hilft man sich jetzt mit aufgenähten Filzkreuzen weiter. Das wird von den Japanern nicht goutiert: «Die wollen nur Taschen mit eingewebten Kreuz», stellt Maurer fest.
Wünschten alle nur noch die Originalkreuze, könnte das zum Problem werden. Denn die Militärwolldecken werden heute nicht mehr hergestellt. In Törbel produziert man jedoch nicht blind drauflos. «Was heute Mode ist kann morgen wieder out sein», weiss Maurer. Er behält deshalb die Augen offen und spürt die nächsten Trends auf.

 

EHRET EINHEIMISCHE SYMBOLE
NICHT ERST SEIT NATIONALRÄTIN Anita Fetz in der Herbstsession in rotem T-Shirt mit Schweizer Kreuz auf der Brust aufgetaucht ist. bekennen Mann und Frau RaggeBei den jungen Ravem sieht man das Kreuz schon länger, und Michel Jordi lancierte 1989 seine erste Eikino-Uhr mit dem Edelweiss als heimischem Sujet. Bereits seit
den Dreissigerjahren macht das Heimatwerk sein Geschäft mit dem Verkauf von traditionellem und zeitgendssischem Schweizer Kunsthandwerk. Einige Produkte findet nicht nur bei Touristen Anklang, sondem auch bei den trendbewussten Schweizerinnert und Schweizem. «Sehr beliebt sind neben den Tdrbeler Militärtaschen auch Kefamikcaquelons mit Edelweiss oder Kuh drauf und die Uhren im Design der Bahnhofsuhrerh, sagt Erika Maihis-Brassel, Geschäftsleitenn des Heimatwerks,