
Rheinischer Merkur - Ausgabe 13. Januar 2005 |
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| Heute schon geswisst? |
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Früher bieder, auf einmal hip: Das weiße Kreuz auf rotem Grund inspiriert die Designer. Autor: VERA RÜTTIMANN Weiß auf sattem Rot strahlt es: das Schweizer Kreuz. Eine Flugzeugheckflosse mit aufgemaltem Landeswappen löst bei manchen noch immer Glücksmomente aus. Ein gewisser Stolz kommt auf aller Bescheidenheit zum Trotz. Schließlich hat man einiges vorzuweisen: Natur, Schokolade, Banken und Wintersport. Keine Klischees sollen hier bedient werden, viele Produkte aus dem Alpenland werden auch hierzulande unbestreitbar mit Bezeichnungen wie exklusiv, stabil oder hochwertig in Verbindung gebracht. Für all diese Werte sollen neuerdings unkonventionelle Designideen aus Helvetien stehen. Marketingtechnisch hat vor allem das Schweizer Kreuz Hochkonjunktur: Zu sehen ist es nicht mehr nur auf den traditionellen Taschenmessern, sondern auch auf Snowboards, Kaffeetassen oder Computermäusen. Das Logo wird auf immer neue Produkte gedruckt, die so ihre Corporate Identity mit dem Aspekt Swissness aufladen. Das Schweizer Symbol hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Wandlung, ja eine Renaissance durchgemacht. Vom Zeichen eines etwas angestaubten Patriotismus ist es zum trendigen Designsymbol für Stadtnomaden mutiert. Inflationär hat sich das Schweizer Kreuz vor allem in der Mode verbreitet. War es vor Jahren noch undenkbar, sich mit Schweizer Wappen auf der Brust auf die Straße zu wagen, ist es heute auf Damen-Bustiers, Baseball-Caps oder Schuhen zu sehen. Salonfähig ist vor allem das T-Shirt mit Schweizer Kreuz geworden. Gesichtet wird es immer häufiger auch in deutschen Städten und bei Szene-Acts wie der Love Parade oder an Modemessen wie der Bread & Butter in Berlin. Der Tick mit dem Schweizer Kreuz ist explosionsartig expandiert und zieht immer weitere Kreise. Mitschuld an diesem Trend ist auch die 500-Seelen-Gemeinde Törbel im Oberwallis, die selbst in der Schweiz lange als eigenbrötlerisch galt. Der Schuhmacher und Sattler Titus Karlen fertigte in seiner Werkstatt Rucksäcke für die Schweizer Armee an. Da die Aufträge ausblieben, machte er sich auf die Suche nach neuen Produktideen. In den Zeughäusern der Schweizer Armee entdeckte Karlen riesige Bestände von Wolldecken aus Filz, die seit Jahrzehnten ungenutzt herumlagen. Der pfiffige Schweizer kam auf die Idee, aus den kratzigen Armeedecken Handtaschen zu schneidern. Tragriemen und Ledereinfassungen stammten von Gewehrriemen und Gürteln. Aus der Taufe gehoben wurde so die Army Recycling Collection. Das rot-weiße Hoheitszeichen auf filzigem Grund findet sich heute auf Laptop-Taschen, Handy-Hüllen, Rücksäcken oder Hausschuhen. Seit die Schweizer Labels gemerkt haben, dass Swissness auch im Ausland zieht, erweitert sich das Sortiment. Bei Peek & Cloppenburg sind Swiss Cross-Jacken zu beziehen, gefüttert sind sie ebenfalls mit einer Schweizer Armeedecke. Ein Taschenmesser ist darin gleich mitverarbeitet. Obwohl die Jacke ihren Preis hat, werden die Dinger auch in deutschen Filialen gut verkauft. Thomas Erne von der Fremdenverkehrsorganisation Schweiz Tourismus in Berlin ist immer wieder erstaunt, wie oft ich meinem Landeswappen im Ausland begegne. Auf der gleichen Erfolgswelle segelt das Label Alprausch. Die Textilien und Accessoires aus Zürich sind in rund 250 deutschen Läden erhältlich. Alprausch mischt alpenländisches Kolorit mit dem Retro-Stil der sechziger Jahre. Doch was ist dran am Schweizer Kreuz? Denn ganz gleich, wie inflationär dieses Symbol auftritt, ganz entleert ist dieses Zeichen nie. Die einen bekennen sich als Patrioten, andere als schlicht politisch interessiert. Gesehen wird es jedoch oft auch als Reizstoff, der gezielt zur Provokation von in der Schweiz lebenden Ausländern getragen werden kann. Deshalb wurde das Tragen eines solchen Shirts in einigen Zürcher Schulen gar verboten. Attraktiv aber scheint das Schweizer Kreuz vor allem als Markenartikel zu sein, da es aus dem traditionellen nationalen Kontext gelöst wurde und via Mode individuell und ohne ideologischen Ballast als Lifestyle-Assecoire verwertet werden kann. Das Symbol gilt schlicht als hip. Schweizer Jungdesigner setzten in den letzten Jahren weitere Trends, und gern wird dabei scheinbar unbrauchbares Material kombiniert. So sind auch die Freitag-Taschen aus Lastwagenplanen, Fahrradschläuchen und Sicherheitsgurten der Brüder Freitag aus Zürich zum Exportschlager geworden. Die aus einer Spielerei entstandenen Umhängetaschen sind heute ein urbanes Kultprodukt von Berlin bis San Francisco. Dank der unterschiedlichen Schriftzüge und Farbgebung auf den Planen ist jede Tasche ein Unikat. Aber nicht nur in der Mode, auch in den Bereichen Innenausstattung, Industrie- und Grafikdesign werden Trends kreiert, die auch international wahrgenommen werden. Einige Designprodukte haben sich auch im deutschen Alltag bewährt: Das 1897 für die Offiziere der Schweizer Armee kreierte Militärtaschenmesser hat als Bierflaschenöffner, Fingernagelputzgerät und Tramper-Korkenzieher auch hier seine Anhänger. Neuerdings ist das Messer mit einem USB-Stick ausgestattet. Vor zwei Jahren wurde die Uhrenmarke Victorinox Swiss Army Watch mit eigenem Vertrieb in Deutschland lanciert. Der Landi-Stuhl aus dem Jahre 1938 von Hans Coray steht in so manchem Café, nicht zu vergessen die Bahnhofsuhr des Designers Hans Hilfiker (19011993), der einen Klassiker schuf. Zum ersten Mal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geriet Schweizer Design 1949 bei der Sonderschau Die gute Form des Bauhaus-Schülers Max Bill. Die Schweiz müsse Designer ausbilden, die von der Stecknadel bis zur Hauseinrichtung Alltagsgegenstände gestalteten, von einer Schönheit, die aus der Funktion heraus entwickelt ist und durch ihre Schönheit eine eigene Funktion erfüllt, schrieb Bill damals programmatisch. Diesen Ansprüchen trugen seither viele Rechnung. Gewiss, nicht an allen Ecken der Schweiz geht es stilvoll zu, dennoch scheint hier ein angeborener Sinn für das Schöne vorhanden zu sein. Zu erkennen ist dies vor allem an den Dingen des alltäglichen Gebrauchs. Ob Luxemburgerlis (feinste, hausgemachte Pralinés in Herzbonbonniere) aus der Confiserie Sprüngli, die Softpacks der nationalen Zigarettenmarke Parisienne oder die Zahnpastatube von Elmex die Verpackungen sind meist formvollendet. In diesem Land ist Etikette, Schriftzug und Farbgebung beinahe so wichtig wie der Inhalt selbst. Auch bei Transportmitteln wie Bergbahnen, Fähren und Zügen ist nie am Design gespart worden. Der Sechziger-Jahre-Stil des Cisalpino, der schnellsten Verbindung zwischen Zürich und Mailand, wirkt zeitlos modern. Es ist kein Zufall, dass Tyler Brûlé, Gründer der Stilfibel Wallpaper, mit dem Redesign der angeknacksten Swiss Airline betraut worden war. Der neue Swiss Style trägt auch zur Imagebildung der Schweiz im Ausland bei. Galt sie bei vielen lange als etwas traditionell und spießig, wird das Alpenland heute dadurch doch als innovativer, als cooler wahrgenommen. Auch der Hype um das Schweizer Kreuz hat seine Wirkung. Der Flaggentrend trägt mit dazu bei, dass man mit dem Schweizer Kreuz künftig auch Innovatives verbindet, nicht mehr nur Ricola-Bonbons und Kühe vor Matterhorn-Kulisse. Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern: Weiss auf Rot (bis zum 28. August 2005). Publikation: Weiss auf Rot. Das Schweizer Kreuz zwischen nationaler Identität und Corporate Identity. NZZ Verlag, 250 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 48 Franken. Aschenbecher, Tasse oder PC-Mäuse: [1]www.schweizerkreuz.com Taschen aus recycelten Armeedecken: [2]www.karlenswiss.ch Die Freitag-Taschen aus Lastwagenplanen: [3]www.freitag.ch Edle Pralinés aus Zürich: [4]www.spruengli.ch Militärtaschenmesser: [5]www.luxswiss.com Zeitschrift für Schweizer Architektur und Design: [6]www.hochparterre.ch References 1. http://www.schweizerkreuz.com/ 2. http://www.karlenswiss.ch/ 3. http://www.freitag.ch/ 4. http://www.spruengli.ch/ 5. http://www.luxswiss.com/ 6. http://www.hochparterre.ch/
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