Mitte 1999 entwarf Maurer die erste Kollektion, bestehend aus vier Teilen:
Rucksack, Bauchtasche, Mappe und Bodybag. Jedes der Unikate entstand
bereits nach dem heutigen Prinzip: Alles, was die Armee abstösst,
wird wieder verwertet. Nicht nur die Decken, sondern auch Bajonettverschlüsse,
Gewehrriemen und Teile des Pferdegeschirrs zieren die Produkte. Mit
der ersten «Army Recycling Collection» besuchte der Ostschweizer
Textilmessen, und bald riefen die ersten Kunden an: Das Schweizer Heimatwerk
und eine Hand voll Accessoires-Geschäfte von Brig bis Bern. Ausser
in Luzern, wo sich die Japaner reihenweise in die witzigen Teile verliebten,
rollte das Geschäft gemächlich an. Mit den Bestellungen kam
das Zweierteam gut zurecht: Karlen nähte in der Werkstatt, Maurer
besuchte ihn ab und zu mit neuen Entwürfen in den Bergen. Das war
vor einem Jahr.
Heute ist der Betrieb um sieben fest angestellte Näherinnen angewachsen.
In der neu gebauten Werkstatt, die wir von der alten aus nach zwei Gehminuten
erreichen, befinden sich heute zwei Büros, ein Sitzungszimmer und
das Lager. Die aktuelle Kollektion umfasst zwanzig Teile, die Preise
liegen zwischen 10 und 220 Franken. Aus der Ein-mannsattlerei gründete
man die Karlen Sattlerei- und Handels GmbH, der grösste Arbeitgeber
im Dorf.
Jetzt liefern sie einige Tausend Stück pro Jahr in die ganze Welt,
ein Teil davon fliegt direkt nach Tokio, zu einem ihrer grössten
Kunden. Seit die grosse japanische Tageszeitung «Asahi Shimbum»
unlängst ganzseitig über das Walliser Team berichtete, sind
die asiatischen Fashion Victims erst recht aus dem Häuschen. Sogar
ein internationaler Prominenter besitzt einen Rucksack aus der Walliser
Kollektion: Der Uno-Botschafter Kofi Annan. Am vorletzten Weltwirtschaftsforum
in Davos beschenkte er sich selbst damit. «Wir könnten Tag
und Nacht arbeiten», freut sich Hans Jörg Karlen, Sohn und
Mitinhaber der Firma. Stolz zeigt er die neuen hellen Räume. Zusammen
mit seiner Frau kümmert er sich hier ums Personal, die Distribution
und die Buchhaltung. Parallel dazu überwacht er den Bau seines
neu- en 6-Zimmer-Hauses. «Wir wollten gar nicht so schnell wachsen»,
relativiert er, «doch wir platzten aus allen Nähten und mussten
ausbauen.» Die Näherinnen, alles Törbjerinnen, freuts,
und sie schwärmen vom flexiblen Arbeitgeber. «Die meisten
von uns haben Kinder», erklärt die 40-jährige Judith,
wäh- rend sie aus einem Stück weissen Filz kleine Kreuze ausstanzt.
«Um elf Uhr gehen wir heim und kochen für die Familie. Wenn
Mann und Kinder wieder weg sind, arbeiten wir weiter.»
Kunden wünschen sich immer öfter ein authentisches Stück
Heimat
Dass das Geschäft mittlerweile so gut läuft, schreibt Karlen
junior nicht nur der innovativen Idee, sondern auch der Mund-zu-Mund-Propaganda
und nicht zuletzt der boomenden «Swissness» zu. Der wieder
entdeckte Stolz, ein Teil der Schweiz zu sein, wächst. Samuel Dubno,
Projektleiter beim Gottlieb Duttweiler Institut, wagt eine Prognose
zum Phänomen: «Die Marke Schweiz etabliert sich immer mehr.
Der Kunde will ein authentisches Stück Heimat besitzen.»
Doch was ist, wenn der Ethno-Trend plötzlich ausgereizt ist? Der
Marktforscher Dubno kennt Karlens Sortiment und vermutet, dass es sich
auch in einem Jahr noch verkauft. Derselben Meinung ist man auch an
der Verkaufsfront. «Einer der Bestseller ist der Shopper mit den
kurzen Henkeln», weiss Flavia Santos vom Schweizer Heimatwerk
in Zürich. «Aber auch die Portemonnaies und Handtaschen finden
grossen Anklang.» Nicht nur bei Touristen übrigens; die Mehrheit
der Kundinnen und Kunden sind Schweizer.
«Wir haben noch viele Ideen», verrät der 43-jährige
Designer, «und von denen sind wir genauso überzeugt wie von
der Army Collection.» Im Wallis schläft man schliesslich
nur über Mittag.