Walliser Bote vom 13. Dezember 2000
Not macht erfinderisch
Oder: Wie aus einer Wolldecke ein Bijou wird
 

 
Stanzen erfordert viel Gedult und Exaktheit   Vorgeschnittene Decken werden zusammengenäht

 

T ö r b e l.- Sie sind hübsch anzuschaun mit ihrem Schweizer Kreuz. Schlicht, mit dem gewissen Etwas. Die neuste Taschenkreation von Mago, hergestellt in der Karlen Sattlerei und Handels GmbH, Törbel, ist voll im Trend. An was erinnert sie den Betrachter? Armee? Geleistete Militärdienste? Richtig. Seit knapp zwei Jahren werden in Törbel aus Armeedecken Bijous angefertigt. Und diese sind voll im Trend. (Auch die Mode- und Uhrenbranche benutzt zurzeit das Schweizer Kreuz als Sujet.) Sechs einheimische Frauen fertigen - vorwiegend im Teilzeitverhältnis - in feinster Handarbeit Taschen jeder Grösse und jeglicher Art an. Da findet sich vom schicken Handtäschchen bis zum rassigen Rucksack alles. Für die Entwürfe aller Modelle ist Walter Maurer verantwortlich. Neben den Arrneedeckenkreationen entwarf er auch viele andere folkloristische Modelle.


Kollektionsauswahl

Wandel mit der Zeit
Ü
ber all dem steht ein Mann, der gelernt hat, mit der Zeit zu gehen: Titus Karlen. Sein Alter sieht ihm keiner an, er sprüht nur so von Vitalität. Seit Jahrzehnten arbeitet er in seiner Schuhmacherei. Doch daneben gab und gibt es eine ganze Reihe weiterer Beschäftigungen. Begonnen hat es mit Militärschuhen und Pferdegeschirr. Viele Zermatter Rösser zieren diese Gebilde. 1985 waren es Militärsattlerarbeiten, danach kamen die Gefechtspackungen 90, die jeder Wehrmann kennt. - 1996 gingen die Armeeaufträge zurück. Eine Neuorientierung war angesagt. Neu gab es bei Titus Karlen handgefertigte Gurte mit Appenzeller Kühen und Edelweiss zu kaufen. Diese erfreuen sich immer noch grosser Beliebtheit. Doch damit nicht genug. 1998 erklärte sich Titus Karlen mit der Übernahme der Firma Mago, Grossau, einverstanden. Ein Grossprojekt. Langsam denkt Titus Karlen aber doch daran, ein etwas langsameres Tempo anzuschlagen. Nach und nach erhält er von seiner Schwiegertochter, Yvonne Karlen-Hosennen, Unterstützung.

Ausrüstung

Not macht erfinderisch
Immer mehr erkundigte sich die Kundschaft nach Artikeln, die aus dem Wollmaterial Loden angefertigt sein sollten. (Wird zum Beispiel bei Tiroler Trachten eingesetzt.) Es war jedoch schwierig, dieses Material aufzutreiben. So wurde die Idee mit den ungenutzten Armeedecken geboren. Quasi ein Armyrecycling. Damals, bei der Geschäftsübergabe von Mago, stellte Walter Maurer sein Know-How zur Verfügung. Mit viel Phantasie kreierte er also nicht mehr nur Taschen mit Folkloremotiven, er entwarf nun auch die einzigartigen Modelle mit dem Schweizer Kreuz. Und sie sind beliebt und weithin bekannt.
So kann es also durchaus geschehen, dass ein Törbjer von einem «Üsserschwyzer» auf die Wolldeckentaschen angesprochen wird. Denn diese werden nebst Sport- und Sou
venirläden auch im Sortiment vom Heimatwerk und bei WWF angeboten. Auch ausserhalb unseres Landes wie Norwegen. Österreich und Frankreich werden bereits Folklortartikel aus Törbel vertrieben. Daneben nimmt die Karlen Sattlerei und Handels GmbH auch regelmässig an Fachmessen teil.


Neubau in Aussicht
Ein wenig überrumpelt waren die Karlens schon, als ihnen so plötzlich die Firma Mago angeboten wurde. So muss unter Platzmangel gearbeitet werden. Es gibt zwei Produktions- und neun Materialstandorte. Doch damit soll nun Schluss sein. Im Frühjahr ist ein Neubau geplant. Im neuen Jahr kann dann der Kunde auch direkt in Törbel die gewünschte Ware bestellen. So wäre der Verkauf via Vertreter ausgelagert, der Innendienst läuft aber über Törbel. Mit der vergrösserten Arbeitsfläche könnte auch ein weiterer Ausbau Richtung Souvenirläden in Betracht gezogen werden.


Ausstellung im Heimatwerk Brig

Seit Anfang Dezember können im Heimatwerk von Brig die Armeerecyclingtaschen nebst anderen Kreationen bestaunt und gekauft werden. Im Sommer nächsten Jahres steht eine grosse Ausstellung daselbst auf dem Programm.
Bestimmt ging die Karlen Sattlerei und Handels GmbH ein recht grosses Risiko ein. Hat sie sich doch über Nacht enorm vergrössert. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst nun Orthopädie/ Schuhmacherei, Lederartikel wie Glockenriemen, Landwirtschaftsartikel usw.. Militäraufträge, Reparaturen von Lederund Kunststoffgewebe jeglicher Art und seit zwei Jahren die gesamte Produktion der Firma Mago. Kein einfaches Unterfangen. Noch steht der Betrieb, wie er sich jetzt präsentiert, in den Kinderschuhen. Seine Stärken sind bestimmt gute Qualität, solide Handarbeit und flexible, schnelle Lieferungsmöglichkeiten. Und: Was angefertigt wird, kann auch jederzeit repariert werden. Alles in allem also eine echte Bereicherung für unseren Kanton. CS