WWF Zeitung - Ausgabe 4/2000
Ein Bergdorf macht Mode

 

Aus alt wird neu: Ein Kleinbetrieb in Törbel VS fertigt aus ungebrauchten Armeewolldecken trendige Rucksäcke und Taschen.

 

Wer im Internet www.toerbel.ch anklickt, trifft auf eine intakte Welt: ein kleines Oberwalliser Dorf auf 1500 Metern Höhe, in den sonnigen Südhang hineingebaut, dunkelbraune, sonnengebräunte Holzhäuser, enge Gassen, im unteren Dorfteil eine alles überragende moderne Kirche. Ausgangspunkt für herrliche Wanderungen im Sommer, ein ausgedehntes Skigebiet im Winter mit Blick auf die höchsten Viertausender: Törbel für Touristen.
Wie die meisten Bergdörfer hat Törbel seine Schattenseiten. Die Erwerbsmöglichkeiten im Dorf mit 580 Einwohnern sind beschränkt, die Landwirtschaft in den steilen Hängen beschwerlich. Die Winter hart. Von Bedeutung ist das Handwerk: Das kunstvolle Fertigen von Trachtenpuppen oder Miniaturstadel aus Holz für die Touristen hat in Törbei Tradition und bringt einen wichtigen finanziellen Zustupf.

Armee rezykliert
Während Jahrzehnten war die Armee für das Bergdorf ein bedeutender Arbeitgeber. In der Sattlerei Karlen wurden neben gutem Schuhwerk für die Einheimischen und Riemen für Kuhglocken auch Schuhe und Rucksäcke für das Militär hergestellt. Seit die Armee synthetrische Materialien bevorzugt, sind die Aufträge zurückgegangen - und die Zeughäuser voll von ungebrauchten Wolldecken. Segeltuch und Lederwaren in erstklassiger Qualität. Hans Jörg Karten und sein Mitarbeiter Walter Maurer wollten das nicht einfach hinnehmen. Sie kamen auf eine Idee: Seit einem Jahr entstehen in ihrer Werkstatt aus jahrzehntelang gelagerten, ungebrauchten Militärwolldecken schöne und praktische Rucksäcke und Hüfttaschen. Tragriemen und Ledereinfassungen stammen teilweise von alten Gewehrriemen, die Holzteile von Pferdezaumzeug und die Knöpfe von Uniformen. Verziert sind die Rucksäcke und Taschen mit applizierten Edelweiss - ein bisschen Ethnolook passt perfekt.
Für drei Männer und sieben Frauen bietet die Sattlerei Arbeitsplätze. Die meisten arbeiten teilzeitlich, um die vielfältigen Ansprüche von Familie, Landwirtschaft und Arbeit in der Sattlerei unter einen Hut zu bringen.
Klar, dass in den langen Regenperioden und im Winter mehr genäht wird als im Sommer. Wie es eben Tradition ist in Törbel.


BRIGITTE STUCKI