Zermatt - en vogue: Ausgabe 2003
Wenn Bergler und Städter gemeinsame Sachen machen


Wer sagt, das Trends stets in Metropolen gesetzt werden? Das kleine Bergdorf Törbel im Oberwallis jedenfalls beweist das Gegenteil: In der alteingesessenen Sattlerei Karlen werden aus Wolldecken der Schweizer Armee Trendartikel hergestellt. Modische Stücke im Swiss Design, die reissenden Absatz finden. Und zwar nicht nur in der Schweiz.

Text Regula Kohler
Fotos © Claudine Howald

 

In der Sattlerei Karlen im 500-Seelen-Dorf Törbel im Oberwallis läuft die Produktion auf Hochtouren. Wo bis vor kurzem Glockenriemen, Pferdezaumzeug und Gürtel hergestellt wurden, sind heute 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hauptsächlich mit der «Army Recycling Collection» beschäftigt. Sie stellen trendige Rucksäcke, Einkaufstaschen, Bodybags, Brillenetuis und Portemonnaies her-rund zwanzig verschiedene Modelle in trendigem Swiss Design, sprich mit Schweizer Kreuz versehen. Ein jedes von Hand. Basismaterial der Kollektion sind alte Wolldecken der Schweizer Armee. Kratzige, grobe, bräunlich-graue Wolldecken, die die Armee längst eingemottet hatte. Ebenso wie ausgediente lederne Gewehrriemen und Leibgürtel. In der Sattlerei von Titus Karlen in Törbel werden die Decken und Lederriemen umfunktioniert, verändert, verarbeitet. Und kommen als Tasche mit
Traggurt oder Henkel, als Rucksack mit stabilen Tragriemen, oder als Schreibmatte mit Ledereinfassung wieder in den Einsatz. Recycling auf trendige Art. Blickfang und Markenzeichen eines jeden Stücks ist das weisse Kreuz auf rotem Grund, das Schweizer Kreuz. Bei den grösseren Modellen ist es eingewoben in den braungrauen Wollstoff. Bei kleineren Artikeln wird es aufgenäht. Wer nun glaubt, das Swiss Design der Wolldecken-Produkte aus Törbel finde nur bei patriotischen Schweizerinnen und Schweizern Gefallen, hat weit gefehlt: Die «Army Recycling Collection» findet in Japan reissenden Absatz, ist in Deutschland, in Österreich und Skandinavien gefragt. Die USA zeigt seit Kurzem ebenfalls Interesse an den trendigen Stücken.


Zeitgenössisches Design, traditionelle Produktion
Hergestellt wird die Wolldecken-Kollektion in einem winzigen Walliser Bergdorf. Das Design stammt jedoch von einem «Städter»: Der freiberufliche Sankt Galler Designer Walter Maurer bewegt sich seit Jahren im Bereich der Textilien und der Ethno-Gegenstände. Und arbeitete in diesem Zusammenhang regelmässig mit der Sattlerei Karlen in Törbel zusammen. In Titus Karlen nämlich fand er den optimalen Partner, um seine Ideen umzusetzen. Der über 70-jährige Schuhmacher und Sattler, ein «Bergler», im traditionellen Handwerk beheimatet und trotzdem offen für Zeitgenössisches, versteht es, das Design des «Städters» umzusetzen. Und in Handarbeit Qualitätsware herzustellen. «Die Kombination von städtischem, modebewusstem Denken und traditionellem Bergler-Handwerk ist unsere grosse Stärke», sagt Titus Karlen.
Auf der Suche nach neuen Materialien stiess das Team Maurer-Karlen Im Jahr 2000 auf die Militär-Decken mit dem Schweizer Kreuz. Inspiriert vom Kreuz auf rotem Grund entwarf Designer Maurer erste Modelle der Kollektion, die heute 20 Stücke umfasst. Als die Prototypen aus den groben Wolldecken zum ersten Mal an einer Fachmesse für Trends vorgestellt wurden, seien sie noch etwas belächelt worden, erinnert sich Karlen. Dann aber schlug der Trend des Swiss Designs umfassend ein: Vom T-Shirt bis zur Socke, vom Hut bis zur Uhr, was mit einem Schweizer Kreuz versehen war, ging weg wie warme Semmel.
Und das Team Maurer-Karlen mischte mit ihrer «Army Recycling Collection» mit. Von Anfang an und in den vorderen Reihen der Trendwelle. Und dies mit durchschlagendem Erfolg.


Grosse Nachfrage, sichere Arbeitsplätze
Die Nachfrage nach den Wolldecken-Taschen Ist nach wie vor ungebremst, die Sattlerei Karlen -von zwei auf heute 10 Mitarbeiterinnen angewachsen - hat täglich alle Hände voll zu tun, um den Bestellungen aus dem In- und Ausland gerecht zu werden. Kommt eine Auslagerung der Produktion In Frage? «Nein, auf keinen Fall», sagt Karlen bestimmt. Einerseits sei die Handarbeit und der Recyclinggedanke nach wie vor zentraler Punkt und Qualitätsmerkmal ihrer Produkte: «Massenware zu produzieren kommt nicht in Frage!». Ausserdem sei jedes Stück der Kollektion ein eigentliches Einzelstück. Jede Decke habe ihre Geschichte, jeder Gürtel und Riemen ebenso: «Es gibt wohl keinen Frauennamen, den wir nicht schon auf die Tragriemen geschrieben oder gekritzt gefunden haben» schmunzelt der Sattler. Mindestens so wie der Recyclinggedanke und die qualitativ hochstehende Handarbeit der Wolldecken-Artikel liegt Titus Karlen aber auch die Stärkung der Bergregion, die Sicherung der 10 Arbeitsplätze seiner Sattlerei -mittlerweilen übrigens die grösste Arbeitgeberin von Törbel, am Herzen. «Unser Team ist unser grösstes Kapital!» sagt Karlen übersehe Mitarbeiter. «Unsere engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen es überhaupt erst möglich, in einem abgelegenen Bergdorf erfolgreich produzieren zu können.» Das eingespielte Team organisiert und koordiniert sich übrigens grösstenteils selbst: Jede und jeder absolviert sein Pensum so, wie es die Familienarbeit, die Stundenpläne der Kinder zulassen. Ein Betriebssystem, das funktioniert. Und seinesgleichen sucht. Was aber geschieht mit der Sattlerei, den Arbeitsplätzen, wenn der Swiss-Design-Boom verschwindet? Wenn die Nachfrage nach den Wolldecken-Artikeln aus Törbel sinkt? «Wir haben bereits diverse neue Ideen in der Pipeline« sagt Karlen. Verraten will er indes noch nichts Konkretes. Gespannt darf man mit Bestimmtheit sein auf die neuen Würfe, die entstehen, wenn Städter Maurer und Bergler Karlen weiterhin gemeinsame Sache machen.

 


Bezugsquellen:
Die Modelle der «Army Recycling Collection» der Karlen Sattlerei- und Handel GmbH Törbel sind In Zermatt erhältlich beim Sporthaus Burgener an der Bahnhofstrasse, in der Wollstube an der Oberdorfstrasse sowie bei Foto Fast T'shlrt Factory AG am Bahnhofplatz. Preise: zwischen 10 und 300