In der Sattlerei
Karlen im 500-Seelen-Dorf Törbel im Oberwallis läuft die Produktion
auf Hochtouren. Wo bis vor kurzem Glockenriemen, Pferdezaumzeug und
Gürtel hergestellt wurden, sind heute 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
hauptsächlich mit der «Army Recycling Collection» beschäftigt.
Sie stellen trendige Rucksäcke, Einkaufstaschen, Bodybags, Brillenetuis
und Portemonnaies her-rund zwanzig verschiedene Modelle in trendigem
Swiss Design, sprich mit Schweizer Kreuz versehen. Ein jedes von Hand.
Basismaterial der Kollektion sind alte Wolldecken der Schweizer Armee.
Kratzige, grobe, bräunlich-graue Wolldecken, die die Armee längst
eingemottet hatte. Ebenso wie ausgediente lederne Gewehrriemen und Leibgürtel.
In der Sattlerei von Titus Karlen in Törbel werden die Decken und
Lederriemen umfunktioniert, verändert, verarbeitet. Und kommen
als Tasche mit
Traggurt oder Henkel, als Rucksack mit stabilen Tragriemen, oder als
Schreibmatte mit Ledereinfassung wieder in den Einsatz. Recycling auf
trendige Art. Blickfang und Markenzeichen eines jeden Stücks ist
das weisse Kreuz auf rotem Grund, das Schweizer Kreuz. Bei den grösseren
Modellen ist es eingewoben in den braungrauen Wollstoff. Bei kleineren
Artikeln wird es aufgenäht. Wer nun glaubt, das Swiss Design der
Wolldecken-Produkte aus Törbel finde nur bei patriotischen Schweizerinnen
und Schweizern Gefallen, hat weit gefehlt: Die «Army Recycling
Collection» findet in Japan reissenden Absatz, ist in Deutschland,
in Österreich und Skandinavien gefragt. Die USA zeigt seit Kurzem
ebenfalls Interesse an den trendigen Stücken.
Zeitgenössisches Design, traditionelle Produktion
Hergestellt wird die Wolldecken-Kollektion in einem winzigen Walliser
Bergdorf. Das Design stammt jedoch von einem «Städter»:
Der freiberufliche Sankt Galler Designer Walter Maurer bewegt sich seit
Jahren im Bereich der Textilien und der Ethno-Gegenstände. Und
arbeitete in diesem Zusammenhang regelmässig mit der Sattlerei
Karlen in Törbel zusammen. In Titus Karlen nämlich fand er
den optimalen Partner, um seine Ideen umzusetzen. Der über 70-jährige
Schuhmacher und Sattler, ein «Bergler», im traditionellen
Handwerk beheimatet und trotzdem offen für Zeitgenössisches,
versteht es, das Design des «Städters» umzusetzen.
Und in Handarbeit Qualitätsware herzustellen. «Die Kombination
von städtischem, modebewusstem Denken und traditionellem Bergler-Handwerk
ist unsere grosse Stärke», sagt Titus Karlen.
Auf der Suche nach neuen Materialien stiess das Team Maurer-Karlen Im
Jahr 2000 auf die Militär-Decken mit dem Schweizer Kreuz. Inspiriert
vom Kreuz auf rotem Grund entwarf Designer Maurer erste Modelle der
Kollektion, die heute 20 Stücke umfasst. Als die Prototypen aus
den groben Wolldecken zum ersten Mal an einer Fachmesse für Trends
vorgestellt wurden, seien sie noch etwas belächelt worden, erinnert
sich Karlen. Dann aber schlug der Trend des Swiss Designs umfassend
ein: Vom T-Shirt bis zur Socke, vom Hut bis zur Uhr, was mit einem Schweizer
Kreuz versehen war, ging weg wie warme Semmel.
Und das Team Maurer-Karlen mischte mit ihrer «Army Recycling Collection»
mit. Von Anfang an und in den vorderen Reihen der Trendwelle. Und dies
mit durchschlagendem Erfolg.
Grosse Nachfrage, sichere Arbeitsplätze
Die Nachfrage nach den Wolldecken-Taschen Ist nach wie vor ungebremst,
die Sattlerei Karlen -von zwei auf heute 10 Mitarbeiterinnen angewachsen
- hat täglich alle Hände voll zu tun, um den Bestellungen
aus dem In- und Ausland gerecht zu werden. Kommt eine Auslagerung der
Produktion In Frage? «Nein, auf keinen Fall», sagt Karlen
bestimmt. Einerseits sei die Handarbeit und der Recyclinggedanke nach
wie vor zentraler Punkt und Qualitätsmerkmal ihrer Produkte: «Massenware
zu produzieren kommt nicht in Frage!». Ausserdem sei jedes Stück
der Kollektion ein eigentliches Einzelstück. Jede Decke habe ihre
Geschichte, jeder Gürtel und Riemen ebenso: «Es gibt wohl
keinen Frauennamen, den wir nicht schon auf die Tragriemen geschrieben
oder gekritzt gefunden haben» schmunzelt der Sattler. Mindestens
so wie der Recyclinggedanke und die qualitativ hochstehende Handarbeit
der Wolldecken-Artikel liegt Titus Karlen aber auch die Stärkung
der Bergregion, die Sicherung der 10 Arbeitsplätze seiner Sattlerei
-mittlerweilen übrigens die grösste Arbeitgeberin von Törbel,
am Herzen. «Unser Team ist unser grösstes Kapital!»
sagt Karlen übersehe Mitarbeiter. «Unsere engagierten Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter machen es überhaupt erst möglich, in einem
abgelegenen Bergdorf erfolgreich produzieren zu können.»
Das eingespielte Team organisiert und koordiniert sich übrigens
grösstenteils selbst: Jede und jeder absolviert sein Pensum so,
wie es die Familienarbeit, die Stundenpläne der Kinder zulassen.
Ein Betriebssystem, das funktioniert. Und seinesgleichen sucht. Was
aber geschieht mit der Sattlerei, den Arbeitsplätzen, wenn der
Swiss-Design-Boom verschwindet? Wenn die Nachfrage nach den Wolldecken-Artikeln
aus Törbel sinkt? «Wir haben bereits diverse neue Ideen in
der Pipeline« sagt Karlen. Verraten will er indes noch nichts
Konkretes. Gespannt darf man mit Bestimmtheit sein auf die neuen Würfe,
die entstehen, wenn Städter Maurer und Bergler Karlen weiterhin
gemeinsame Sache machen.



Bezugsquellen:
Die Modelle der «Army Recycling Collection» der Karlen Sattlerei-
und Handel GmbH Törbel sind In Zermatt erhältlich beim Sporthaus
Burgener an der Bahnhofstrasse, in der Wollstube an der Oberdorfstrasse
sowie bei Foto Fast T'shlrt Factory AG am Bahnhofplatz. Preise: zwischen
10 und 300